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Von Uwe Salzbrenner
Zwölf Sänger und Sängerinnen sitzen im Halbkreis. Sie proben „Enatus est Emanuel“ des einstigen Wolfenbütteler Hofkapellmeisters Michael Praetorius, ein kunstvoll schlichtes Chorwerk, das akzentuierte Silben braucht und Sprechübungen vorher. Sie singen „O Kindelein zart“, ein Schlaflied von Felix Woyrsch, das ein O richtig rund will und ein Lächeln im A. Das gehört zu den Vokalen dazu, damit sie hell werden; im Chor wächst eine Spannung, die sich gut anfühlt und dem Ton Glanz bringt, auch in einem leisen Lied. Zwei Stücke aus dem Weihnachtsprogramm. Annette Borck, die musikalische Leiterin, gibt in der Probe auf dem Klavier den Ton an, dirigiert mit ganzem Körper, als wäre es ein Tanz und fordert nach dem zwölften den neunten Takt.
Jedes Herbstsemester gibt es einen neuen Start
„Ich fange oft an der schwierigsten Stelle an“, sagt die 34-jährige diplomierte Chorleiterin. Sie mag es, wenn ihre Sänger mutig sind und auf ihre Hinweise reagieren und ihr Repertoire zusammen erarbeiten wollen, bis sie sich anhören wie aus einem Guss. Extravaganz ist nicht gefragt, Vorbildung nicht Pflicht - consonare heißt „gemeinsam klingen“. Das ist besonders wichtig in einem kleinen Laien-Chor, der ständig im Umbruch ist wegen der Studenten. Jedes Herbstsemester gibt es einen neuen Start, ab Januar 2001 wollen drei Neue das Singen probieren. Das Ensemble wurde 1970 an der damaligen Dresdner Hochschule für Verkehrswesen gegründet als FDJ-Singegruppe „disput“. Sie versuchte sich seit 1987 am A-Cappella-Gesang. Thomas Fiedler, heute Vorstandsvorsitzender, hat kurz darauf mit dem Singen angefangen, Annette Borck übernahm 1989 die musikalische Leitung. Ein Jahr später, am 6. November, formierte sich der Chor unter dem Namen consonare e.V. neu als vertragsfähige Rechtsperson mit passendem Namen. Noch immer sind die Hälfte der Mitglieder Studenten. Noch immer besteht ein eigentümlicher Zusammenhalt bis ins Private hinein: gegenseitige Hilfe beim Umzug und der Kinderkleidung, Blumensträuße zu Geburtstagen, jedes Jahr eine Frühjahrsfahrt, die Rügen-Konzerte im Sommer. Neulinge (consonare braucht immer gute Männerstimmen) haben es schwer und leicht zugleich; das ist eine Frage der Neugier und der Zeit. „Hier zählt nicht bloß Fun“, erklärt Tom Pfefferkorn, der Architekt ist und zwei Jahre dabei. „Es ist ein anderes Erlebnis, sich längerfristig einer Sache zu widmen: Man merkt, wie man dazu lernt.“ Für ihn wie für andere ist der Chor ein Gegenstück von dem, was sie auf Arbeit machen: Struktur und Balance. Consonare tritt im Jahr mindestens zwanzigmal auf, 1993 gab der Chor sogar 36 Konzerte. Das Repertoire ist zwangsläufig wegen der Wechsel jährlich frisch und umfasst geistliche wie weltliche Chorwerke. Stücke Neuer Musik sind dezent aber selbstverständlich Bestandteil des Programms. In diesem Sommer waren es u.a. Gunther Erdmanns Bearbeitungen finnischer Volksdichtung, Jan Benders Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ und die auf indianischen Themen basierende Fuge „Moacaretá“ des Brasilianers Sergio Vasconcellos Corréa.
Honorare decken längst nicht die Kosten
Das Publikum belohnt das. Dennoch tragen die Honorare nicht die Kosten des Chores, Auftritte in Altersheimen und Krankenhäusern wurden selten; eine ABM für Chorleiterin Borck war für zwei Jahre die Ausnahme. Das Studentenwerk stellt den Probenraum am Zelleschen Weg, zu den Konzerten teilen sich die Sänger private Pkw, die Mitgliedschaft im Chorverband hilft bei Gema und Versicherung. In diesem Jahr wurde ein Projekt des Verein erstmals vom Dresdner Kulturamt gefördert. Vorstand Thomas Fiedler spricht von Sponsoren, die der Chor nötig hätte und auch verdient aufgrund der langjährig bewiesenen Qualität. „Wenn wir einen herrlichen Schlussakkord gesungen haben, bleibt mir das Gefühl, ich habe ein Steinchen dazu beigetragen“, sagt Hendrike Otto, Gartenbau-Studentin und seit fünf Jahren dabei. Das ist für sie das Schöne an einem kleinen Chor. „Hier gibt jeder viel von sich selbst“, meint Katharina Müller, künftige Sozialpädagogin. „Ich singe zur Hälfte auch für mich, aus Freude an der Musik. Das spürt das Publikum.“
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